Toskana Volterra und Chianti Classico
Welch ein Klang in regengeplagten Städterohren
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Das Schwierigste an einer solchen
Tourenbeschreibung ist der Anfang: Beginnt man besser mit Florenz, Volterra oder Pisa,
kommt man gleich zum Chianti und zum Montepulciano, schwer zu entscheiden. Jedenfalls
sitze ich erst mal gemütlich bei einer guten Flasche Chianti Classico auf einer
wunderschönen Terasse bei Riparbella, unserem Ferienhaus, und mache mir grundsätzliche
Gedanken. Und das, ohne mich so richtig entscheiden zu können - zu vielfältig sind die
Eindrücke bereits der ersten Tage. Während es auf der Herfahrt in Deutschland und
Österreich teilweise noch heftig regnete, waren wir vom ersten Tage in der Toscana an mit
herrlichstem Wetter gesegnet. Logisch, gings doch erst mal zum Meer, zumindest einen Tag
lang, doch dann überfiel uns bereits die Tourerlust. Von unserem Ausgangspunkt,
Riparbella, ca. 8 km vom Meer entfernt, beschlossen wir unsere erste Tour nach Volterra
und in das Kerngebiet des Chianto Classico rings um Castellina zu wagen, nicht ahnend,
dass beides locker auch mehr als einen Tourentag verdient hätte. |
Schon die Fahrt auf der SS
68 in Richtung Volterra werde ich so schnell nicht vergessen - Kurven, die den Alpen
durchaus zur Ehre gereichen und eine Flora, die ihresgleichen sucht. Zypressen, ganze
Felder mit Sonnenblumen, Olivenbäume und immer wieder Wein, kein Wunder
dass sich hier
schon die Etrusker niederließen und eine einzigartige Kultur begründeten. "Sie
müssen ein glückliches und lebenslustiges Völkchen gewesen sein", schreibt unser
Reiseführer, und es fällt überhaupt nicht schwer, diese These nachzuvollziehen.
Jedenfalls
begründeten sie etwa vom 10. Jahrhundert vor Christi Geburt (kein Tippfehler) bis etwa
zum 3. Jahrhundert vor Christi eine im Mittelmeer tonangebende Kultur von 12 Mitgliedern
eines Städtebundes, dessen kulturelle Erungenschaften auch heute Bewunderung einfordern.
Die etruskische Welt zerfiel und 281 v. Christus kam die gesamte Toskana unter römische
Herrschaft. Unser erstes Tourenziel, Volterra, war das nördlichste der 12 etruskischen
Städte, und enthält, nach Rom und Florenz, das drittwichtigste Museum mit den Zeugnissen
etruskischen Lebens und Sterbens, das muss eo etrusco guarnacci. Über 600 etruskische Urnen
zeugen vom Leben dieser Hochkultur, mit Reise- und Jagdszenen oder mythischen Elementen,
gefertigt aus Kalkstein, Terrakotta oder Alabaster, dem für die Region typischen weißen
Stein. Die Innenstadt muss zu Fuß erkundet werden, was sich aber angesichts der Fülle
geschichtlicher Zeugnisse nur als Vorteil erweist. Sehenswert sind auf jeden Fall das
etruskische Tor, der arco etrusco, ein Teil der über 7000 Meter langen etruskischen
Stadtmauer, der bis heute erhalten blieb, über dessen etruskischen Unterbau, die Römer
später ein Portal bauten. Und der piazza dei priorie, dessen palazzo das wohl älteste
Rathaus der Toscana darstellt. Die Löwen, seitlich des Eingangs des palazzo zeugen von
der Herrschaft der Medici. Im Ratssaal, dem sala del consiglio, kann man sich unschwer
vorstellen, welche Debatten in unterschiedlichen Epochen, seien es des Aufschwungs oder
des Niedergangs unterschiedlicher Reiche, hier wohl geführt worden sein mochten. So
langsam aber sicher überkommt uns der Hauch einer Ahnung, dass wir uns
vielleicht etwas zu
viel für den ersten Tourentag vorgenommen haben könnten. |
Berühmt - und eine Reise wert: Der echte Chianti
Doch wer will sich das schon eingestehen, und
so geht es am frühen Nachmittag weiter in Richtung Westen, dahin, wo der Chianti seine
Heimat hat, ins Kerngebiet des Chianti, den Chianto Classico. Das kurze Bedauern, das uns
beim Verlassen Volterras überkommt, wird rasch von der Bewunderung der einmaligen
Landschaft der Toscana eingeholt. Nachdem wir Poggibonsi, eine wenig attraktive,
industriell geprägte Kleinstadt hinter uns gelassen haben und die ersten Schilder des
Gallo Nero erblickten, verblaßt das Bedauern zunehmends und weicht einer neuen
Bewunderung der Landschaft, die ihresgleichen in Europa sucht. Apropos Gallo
Nero, das
Marketingzeichen der Winzer des Chianti Classico darf leider im Ausland nach einer Klage
des amerikanischen Weinimporteurs Gallo nicht mehr verwandt werden, so dient es nun
wenigstens hier noch als Orientierung und auch der weniger Weinkundige mag sich daran
orientieren - er befindet sich da, wo der Chianti herkommt. Weinstöcke und Olivenbäume
bilden hier eine allerschönste Eintracht und nach der Fülle kulturell-historischer
Genüsse beginnen wir zu ahnen, dass auch andere Genüsse eigentlich mehr als nur einen
Tourentag erfordern. So beschränken wir aus darauf, Castellina, im Herzen des Chianti
Classico anzufahren und orientieren uns dabei an einem Weinführer, den uns ein Bekannter
in Deutschland dankenswerterweise überlassen hat, wohl wissend, dass unser Besuch hier
sich darauf beschränkt, Wein zu kaufen und die Verköstigung für einen späteren
Augenblick aufzusparen. (Letzteres hole ich gerade mit viel Genuss auf unserer schönen
Terasse nach, denn ein wenig Platz für Wein sollte auf jeden Fall vorhanden sein, auch
wenn man nicht gleich an Ort und Stelle probieren kann oder möchte). Nicht ganz
unpraktisch - in Castellina gibt es eine enoteca (Weinhandlung), die Reisenden wie uns
anbietet, diese Produkte auch nach Hause zu senden. Nun wissen wir endgültig,
dass wir
uns für weitere Touren keine allzu ehrgeizigen Ziele mehr setzen sollten, denn sowohl
Volterra, als auch das Chianti Classico sind sicher mehr als zusammen nur einen Tourentag
wert. |
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