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Der Spaß am Fahren kommt dabei keineswegs zu kurz. Im Gegenteil; wo die Straßen dem unregelmäßigen Verlauf der Küste folgen, sind Geraden echte Ausnahmen. Reisen ist hier angesagt. Rasen ist kaum möglich. Und wer wird diese Landschaft ohne Not durcheilen? Deshalb bin ich gefahren, bis mich ein Bild zum Halten aufgefordert hat. Das war meist nicht weit. Manchmal hat es nur wenige Kilometer gedauert, bis mir allein die Neugier aus dem Sattel geholfen hat. Zum Beispiel die Gerüste der Garnelenfischer sind "untersuchenswert". Immerhin gibt es in deren Nähe ausnahmslos frische Meeresfrüchte zu kaufen, roh, oder zubereitet nach der Art der Gegend, preiswert und sehr lecker ;-)

 

Ein besonders interessantes Bauwerk lässt sich bei LeHavre erfahren; die Brücke der Normandie. Dafür muss man ein paar Kilometer Autobahn in kauf nehmen. Das Erlebnis der Brückenüberfahrt rechtfertigt dies aber in jedem Fall. Und Motorradfahrer brauchen nicht einmal Maut zu bezahlen. Jedenfalls hat mich der junge Mann an der Mautstelle lachend weiter gewunken, ohne mir auch nur einen Cent abzunehmen.

Auf der anderen Seite der Mündung der Seine habe ich später selbst Photos von der Brücke zu machen versucht (da war ich mit meiner Frau in der Normandie), aber keines gibt wirklich wieder, was dieses Bauwerk so beeindruckend macht. Ich habe selbst im Internet kein Photo finden können, das die Ponte Normandie in seiner Gänze zeigt. Auch das Bild hier gibt nur einen Teil des Gesamtbauwerks wieder.

Aber - wenn man zur Brücke hin fährt, sieht man sie hoch vor sich aufragen. Ihr Bogen steigt steiler, als das Photo vermittelt. Steil zieht die Straße in den Himmel, so steil, dass die meisten Fußgänger Pausen auf dem Weg nach oben machen müssen. Ich habe bei der Auffahrt gejubelt wie ein kleiner Junge und bei der Abfahrt gejauchzt!

Zum Jauchzen sind auch die vielen kleinen Campingplätze, die Anfang Juni allesamt noch leer sind. Mancher Platz ist dann noch gar nicht geöffnet. Mehr als einmal bin ich mit offensichtlich ehrlichem Bedauern gebeten worden doch lieber zum nächsten Platz zu fahren, weil zum Beispiel die sanitären Einrichtungen noch gar nicht in Betrieb genommen waren.

Wenn überreichlich Platz zur Verfügung steht, darf man sich natürlich aussuchen, in welcher Ecke der gartenartigen Anlage man sein Zelt aufschlagen möchte.

Aber je ruhiger und ungestörter man die Lage des Platzes auswählt, um so sicherer kommen Einheimische den Gast besuchen.

Immer wieder faszinierend ist für mich das gewaltige Spiel von Ebbe und Flut. Zu wissen, dass diese Kraft in Elektrizitätswerken genutzt wird, ist eine Sache. Zu sehen, wie selbst viele tausend Tonnen schwere Kolosse aus Stahl bei Ebbe hilflos im Schlick liegen, sich aber bei Flut stolz auf dem Meer wiegen, ist etwas ganz anderes.

 

Eine Route an der Küste führt immer wieder zu anderen Kaps. Viele davon sind in der Literatur zu Ehren gekommen, oder durch das Kino bekannt geworden. Das Kap LaHague gehört auch dazu (Das Boot; Buchheim). LaHague ist eine verzauberte Landspitze in einer verzauberten Landschaft. Die Zeit scheint dort stehen geblieben zu sein. Vieles sieht hier englischer aus, als England selbst. Jedenfalls ist es weniger kaputt als in England. Das allein ist einen Besuch wert.

Die französische Küste hält aber auch Sehenswürdigkeiten ganz anderer Art bereit. Ein Ort von ganz eigener Natur ist dieser hier:

Ich habe den Mont St. Michel ungefähr sechs Wochen später gemeinsam mit meiner Frau noch einmal besucht. Einige der leuchtenden Photos, die ich dabei gemacht habe, wollte ich eigentlich hier zeigen. Aber das wäre irgendwie nicht richtig gewesen. Auf meiner Motorradtour habe ich den Mont so gesehen; beinahe vom Nebel verschluckt, kalt, düster, nass. Touristen waren kaum unterwegs. In den frühen Morgenstunden brannte noch keine Lampe in den Häusern des Dorfes. Etwas Mystisches hat der Mont in einer solchen Stunde durchaus. Aber da ist nichts Erhabenes, nichts himmlisch Tröstendes, kein Versprechen auf ein warmes Frühstück. Da ist nur der Mont und hinter ihm liegt entweder das Meer oder ein bis zu 15 km breiter "Strand"; lebensgefährlich. Ich bin hier, weil ich ihn einmal vis a vis sehen wollte. Ihn stört das nicht.

Und hier ist die Normandie zu Ende. In Blickrichtung beginnt links am Fuß des Mont die Bretagne. Von dieser Gegend habe ich so viel gelesen - und so wenig davon stimmt. Mir scheint, die meisten Menschen haben einen der vielen liebenswerten Flecken der Bretagne kennen gelernt, sich verliebt, und diesem Flecken lebenslange Treue gelobt. Das ist insoweit verständlich, als die Bretagne sehr viele wunderschöne Flecken zur Entdeckung bereit hält. Aber nur von dem was einer dieser Flecken bietet, auf die ganze Landschaft zu schließen, fügt der Bretagne in höchstem Maße Unrecht zu.

Saint Malo, der alte Seeräuberhafen von Robert Surkouf, die zerfurchte und wildromantische nördliche Küste von St. Lunaire bis Brest, das Finistere und Morbihan (das "Keltenland"), viele alte Städte im Innenland wie Rennes und Nantes - um nur die beiden größten zu nennen - und immer wieder freundliche Menschen an einer schönen Küste lassen das Staunen nicht aufhören. Straßen die denen der Normandie in nichts nachstehen, besser werdendes Wetter (ab Kap LaHague geht's südlich) und schon mehr Bilder in Kamera und Kopf als sich verarbeiten lassen, haben mich häufiger von den Küstenstraßen weggeführt. Ich bin schneller geworden.

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