Alpentour 2000:
Gesamtfahrstrecke ca. 1300 km
Da wir mal wieder erst recht spät losgekommen sind,
beschließen wir, so schnell wie möglich in die Alpen zu kommen, ohne uns
zu lange aufzuhalten. Wir beginnen unsere Tour daher eigentlich untypisch:
auf der Autobahn. Aber nur von Ludwigsburg über Leonberg bis nach
Kirchheim. Ab hier geht es dann die Schwäbische Alb nach Schopfloch rauf.
In Erwartung der vor uns liegenden Alpenpässe bringen wir die Strecke über
Ehningen, Biberach, Bad Wurzach, Leutkirch und Isny bis nach Oberstaufen
recht schnell hinter uns. Vor Immenstadt legen wir eine kurze Kaffeepause
am Alpsee ein, dann biegen wir in Fischen i. A. von der Hauptstasse ab in
Richtung Riedbergpass (1450 m). Und der zeigt sich von seiner
allerbesten Seite: Praktisch ohne Verkehr und bei strahlendem Sonnenschein
pfeifen wir die neu asphaltierte Straße zum Pass rauf.
Derartig auf den Geschmack gekommen, fahren wir weiter über Hittisau,
Egg und dann auf der “200” bis nach Au. Von hier zweigt die Straße nach
Damüls und zum Faschinajoch (1486 m) ab. Die
Eingeborenen in dieser Gegend sind Walser, ein Völkchen mit einem etwas
eigenartigem Dialekt. Der Furkapass ist leider gesperrt und so halten wir
uns südlich und fahren über Fontanella ab nach Raggal, wo wir uns eine
Bleibe suchen.
Auch am nächsten Morgen scheint die Sonne und es scheint wieder recht
heiß zu werden. Wir fahren zunächst nach Feldkirch. Von hier aus bietet
die Strecke durch das Rheintal außer dem Luzisteig (713 m)
leider nicht allzuviel. Wir folgen ab Reichenau der “13” durch die recht
spektakuläre Via Mala bis nach Splügen.
Von hier aus ist es unbedingt empfehlenswert, die
Hauptstraße
zu verlassen und sich dem Splügenpass (2113 m)
zuzuwenden. Hinter der Passhöhe fallen einige Geisterdörfer auf. Nur bei
einigen wenigen der verrammelten Häuser deuten Satellitenschüsseln darauf
hin, dass sie zumindest zeitweise bewohnt werden. Obwohl es an einem heißen
Tag wie heute hier oben wirklich angenehm ist, lässt die spärliche
Vegetation doch auf ein sehr rauhes Klima schließen, was eine Erklärung
dafür sein kann, warum ein großer Teil der Häuser offensichtlich nicht
bewohnt ist. Bleibt noch die Frage, warum überhaupt mal jemand auf die
Idee kam, in dieser gottverlassenen Gegend zu siedeln.
In Chiavenna müssen wir uns entscheiden: rechts in Richtung Comer See
oder Lago Maggiore oder links zum Malojapass (1815 m)?
Wir haben außerdem gerüchteweise gehört, dass das Stilfser Joch an diesem
Wochenende geöffnet werden soll. Da wir ja schon 1998 am Lago Maggiore
waren und da die Chance aufs Stilfser Joch aufgrund des späten Feiertags
(Anfang Juni) bei unserer jährlichen “Himmelfahrtstour” noch nie so gut
war wie heute, entscheiden uns für links. Am Silser See legen wir einen
Stopp ein und genießen bei einem kleinen Imbiss das Wetter und die
Aussicht. Wir beschließen, eine kleine Extrarunde über den
Julierpass (2284 m) nach Tiefencastel und dann über den
Albulapass (2315 m) zu machen. Diese Runde verdient
locker vier Sterne, denn es ist alles dabei: Kehren und längere Kurven zum
Wedeln, und das alles mit sehr wenig Verkehr. Dies ist generell ein
Vorteil gegenüber den Sommerferien. Da kann es schon mal vorkommen, dass
man in jeder Kurve auf Wohnmobile und Reisebusse trifft. Dass man dabei
nicht vorankommt, ist die eine Sache, dass man fast permanent in einer
Dieselwolke steht, die andere. Aber solche Erfahrungen müssen wir diesmal
zum Glück nicht machen. Wir fahren über Ponteresina zum
Berninapass (2328 m). Auch der ist wie die beiden
vorigen uneingeschränkt empfehlenswert.
Wir biegen kurz nach der Passhöhe ab über den Forcola di
Livigno (2315 m). Inzwischen macht sich die Müdigkeit und Hunger
deutlich bemerkbar, außerdem fahre ich schon arg lange auf Reserve. Aber
in Livigno findet sich alles, was wir nach diesem fantastischen Tag noch
brauchen: Tankstelle, Kneipe und Bett (in dieser Priorität).
Beim Frühstück führt unsere Señora einige Telefonate, um uns dann stolz
mitzuteilen, dass das Stilfser Joch offen sei. Na prima! Als wir im Ort
auf die Hauptstraße einbiegen wollen, fährt gerade eine Gruppe aus mehr
als zwanzig Motorrädern vorbei. Na ja, wir sind ja nicht zum Heizen hier,
sondern um die Landschaft zu genießen. Wir zockeln also gemütlich
hinterher. Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Zunächst ist es ja noch
ganz lustig zuzusehen, wie eine Goldwing in jeder kleinen Kurve mit dem
weit ausladenden Gefrierschrank oder der Satellitenschüssel am Asphalt
kratzt. Später aber müssen wir feststellen, dass es ganz schön nervig ist,
eine ganze Gruppe Motorradfahrer auf einer kurvigen Straße zu überholen,
vor allem, wenn diese in jeder Kurve die ganze Straßenbreite brauchen und
auf den kurzen Geraden ihre Motorleistung ausspielen. Ich ärgere mich
einige Male auf der Auffahrt zum Passo di Fascagno (2291 m),
dass wir in Livigno nicht fünf Minuten eher dran waren.
Aber irgendwann ist auch die widerspenstigste Gruppe
überholt und in Bormio freuen wir uns über freie Fahrt zum Stilfser
Joch (2757 m). Diesen Alpenklassiker hatte ich von einer
früheren Überquerung im Sommer 1994 in keiner besonders guten Erinnerung.
Damals quälten sich Hunderte von Wohnmobilen die Passstraße rauf. Was das
bedeutet, kann man leicht erahnen: Keines dieser Dinger schafft auch nur
eine Serpentine ohne Zurücksetzen und dabei setzen die meisten dann mit
Ihrem Überhang auf, was die Sache nicht gerade beschleunigt. Als
Mopedfahrer steht man oft wütend daneben und kämpft in den Dieselwolken
gegen die Übelkeit. Ganz anders heute: Freie Fahrt und klare Luft! Einfach
gigantisch! Auf der italienischen Seite sind die Serpentinen zwar nicht
ganz so eng und zahlreich wie auf der Schweizer Seite, das hat aber den
Vorteil, dass man nicht ständig in den ersten Gang zurückschalten muss. Es
geht einfach flüssiger den Berg rauf.
Einen kleinen Dämpfer erhalten wir auf der Passhöhe: Die Schweizer haben
die Straße auf Ihrer Seite noch nicht wieder gerichtet und so bleibt uns
nichts anderes übrig als umzukehren und über den Umbrailpass
(2501 m) nach Sta Maria abzufahren. Die Straße ist auf weiten Teilen
fein geschottert und bei Trockenheit ist dies auch ohne Enduro prima zu
fahren. In Sta. Maria biegen wir wieder auf die Hauptstraße ein und
überqueren den Ofenpass (2149 m). Die Straße hier mit
vielen langgezogenen Kurven lädt regelrecht zum Gasgeben ein. Leider (oder
zum Glück) fallen hier einzelne Regentropfen und in einer Kurve versetzt
es mir das Hinterrad, so dass wir die Sache dann doch etwas vorsichtiger
angehen.
Als wir in Susch eine Pause einlegen, scheint aber schon wieder die
Sonne. Wir müssen uns jetzt langsam über den Heimweg Gedanken machen. Da
wir die Strecke über Schuls schon aus 1997 kennen und wissen, dass sie eher vielbefahren ist,
weichen wir auf eine kleine, parallel zur Hauptstraße verlaufende Strecke
aus. Diese geht über Guarda, Ardez und Ftan nach Schuls. Zu einem guten
Teil geht es hier über unbefestigte Wege, so dass wir zeitweise gar nicht
mehr so sicher waren, ob wir noch richtig waren. Wir trafen auf dieser
Strecke auch keine einzige Ducati (die ja auf den gut ausgebauten
Alpenstraßen schon fast zum gewohnten Straßenbild gehören). |
Inzwischen ist es auch so richtig heiß geworden (29°C im Schatten), so
dass die Lederhose unangenehm am Allerwertesten klebt. Wir fahren
möglichst schnell durchs Inntal bis nach Landeck. Zum einen, um möglichst
viel Fahrtwind zu bekommen und zum anderen, weil die vielbefahrene Strecke
wirklich nicht sonderlich reizvoll ist. Von Landeck geht es ähnlich weiter
bis zum Arlbergpass (1793 m), wo wir dann aber die Straße
über den Flexenpass (1773 m) nach Zürs, Lech und
schließlich nach Warth nehmen. So können wir nochmals den
Hochtannbergpass (1679 m) unter die Räder nehmen, an den wir
uns aus 1997 noch gut erinnern.
Damals war der Hochtannberg unser erster Alpenpass, auf der diesjährigen
Tour ist er unser letzter. Leider wollen wir dann ein klein bisschen zu
schnell nach Hause. In der Folge darf ich daher noch 300 Öschis an den
Ortspolizisten in Au überreichen, da er seine Lasergun noch nicht
vollständig abbezahlt hat und dafür eine Kollekte veranstaltet. Aber man
hilft ja gern...
Nach dieser kurzen Unterbrechung unseres Vorwärtsdrangs begeben wir uns
bei Bregenz auf die Bahn und drehen den Gashahn auf unserem Weg über
Memmingen, Ulm und Leonberg bis nach Ludwigsburg nicht mehr
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